10.12.2025
Wenn Frau Dr. med. Marina Barandun von ihrer Arbeit erzählt, spürt man sofort, wie sehr Medizin für sie Berufung ist. Sie ist plastische Chirurgin, seit acht Jahren Mitinhaberin von BelCare in Aarau und weltweit engagiert. Ihre Ausbildung führte sie bis nach Toronto – ein entscheidender Abschnitt, denn dort begegnete sie einer Mentorin, die nicht nur ihr chirurgisches Denken, sondern auch ihre Begeisterung für internationale Zusammenarbeit prägte.
Ein Teil ihres beruflichen Herzens schlägt weit über die Schweizer Grenzen hinaus, in Regionen, in denen medizinische Versorgung kaum zugänglich ist und Frauen oft die unsichtbaren Lasten patriarchaler Gesellschaften tragen.
Ein prägender Moment in Neu Delhi
Der Weg zu Reconstructing Women International begann fast zufällig – und doch entscheidend. Als junge Assistenzärztin nahm Marina Barandun an einem Kongress in Neu Delhi teil. Die Eindrücke dort waren überwältigend: Extreme Armut neben unendlichem Reichtum.
Während eines Vortrags stellte die Gründerin von Reconstructing Women International die Organisation vor – ein Netzwerk von plastischen Chirurginnen, Anästhesistinnen und medizinischen Fachpersonen, die rein ehrenamtlich arbeiten. Frauen, die Frauen und Kinder in Ländern operieren, in denen der Zugang zu medizinischer Versorgung minimal ist.
„Der Vortrag hat mich nicht mehr losgelassen“, erinnert sie sich. Noch dort fasste sie den Entschluss, Teil dieser Organisation zu werden.
Jedes Jahr nach Bangladesch – mehr als ein Einsatz
Seit 2015 reist sie, mit zwei Ausnahmen, jedes Jahr für ca. zwei Wochen nach Bangladesch. Heute ist sie nicht nur Operateurin, sondern auch Teamleiterin, Ansprechpartnerin für lokale NGOs und Mitglied des europäischen Stiftungsbeirats von Reconstructing Women International.
Die medizinischen Fälle sind anspruchsvoll:
schwere Brandverletzungen
Kontrakturen nach Unfällen oder Säureattacken
entstellende Narbenbildungen
Verletzungen, die Alltag, Selbständigkeit und soziale Stellung massiv beeinträchtigen
Das Ziel ist klar: Funktionalität wiederherstellen, damit Betroffene ihren Alltag wieder meistern können. Schönheit ist zweitrangig, das Leben der Frauen verändert sich durch wiedergewonnene Beweglichkeit, Unabhängigkeit und Würde.
In wenigen Stunden triagiert das Team oft 50 bis 80 Patientinnen und Kinder. Nicht allen kann geholfen werden. „Wir müssen verantwortungsvoll entscheiden, was möglich ist – medizinisch, organisatorisch und ethisch.“
Herausforderungen zwischen Dankbarkeit und harter Realität
Die Einsätze sind medizinisch anspruchsvoll und emotional intensiv. Armut, Gewalt, fehlende Gesundheitsstrukturen; all das begegnet den Teams vor Ort.
„Man muss lernen, die eigenen Grenzen zu akzeptieren“, sagt Frau Dr. Barandun. „Wir können nicht die Welt retten. Aber wir können viel verbessern.“
Im Team wird offen über belastende Fälle gesprochen. Das gemeinsame Reflektieren hilft dabei, schwierige Situationen zu verarbeiten und handlungsfähig zu bleiben.
Eine Begegnung, die bleibt
Eine Geschichte berührt sie bis heute besonders: Ein junges Mädchen mit schweren Verbrennungen, dessen Arm durch Vernarbungen mit dem Oberkörper verwachsen war. Über drei Jahre hinweg operierte das Team die Kontrakturen jährlich, bis die Beweglichkeit der Hand wiederhergestellt werden konnte.
Eigentlich hätte man erwartet, dass sich das Mädchen vor allem über die wiedergewonnene Funktionalität freut – darüber, wieder greifen, spielen oder alltägliche Aufgaben bewältigen zu können.
Doch ihr wichtigster Gedanke war ein anderer:
„Jetzt kann ich vielleicht einen Mann finden und heiraten.“
In der Region, aus der sie stammt, ist es für Frauen oft entscheidend, körperlich „intakt“ zu sein, um als heiratsfähig zu gelten. Heirat bedeutet dort nicht nur Partnerschaft, sondern soziale Sicherheit – für sie selbst und für ihre Familie. Eine sichtbare körperliche Einschränkung kann hingegen dazu führen, dass Mädchen und Frauen keine Aussicht auf Ehe, gesellschaftliche Anerkennung oder ein eigenständiges Leben haben.
Diese Aussage zeigte eindrücklich, wie unterschiedlich Lebensrealitäten sein können und wie sehr funktionelle Chirurgie weit über medizinische Aspekte hinausreicht. Für das Mädchen bedeutete die Operation nicht nur Beweglichkeit, sondern die Chance auf ein Leben, das in ihrem kulturellen Umfeld als „vollständig“ gilt.
Warum sie immer wieder zurückkehrt
Frau Dr. Marina Barandun reist nicht nur wegen der medizinischen Herausforderung. Es sind die Menschen, der Zusammenhalt im Team und die Dankbarkeit der Patientinnen, die sie jedes Jahr motivieren. Und auch die Neugier auf Länder und Kulturen, die man ohne einen solchen Einsatz nie so authentisch erleben würde.
„Es ist intensiv, fordernd, aber unendlich bereichernd“, sagt sie. „Man wird geerdet. Man sieht, wie gut wir es hier haben. Und man spürt, wie viel unsere Arbeit bedeutet.“
Die Begegnungen in Bangladesch relativieren den Alltag in der Schweiz und schärfen den Blick für das Wesentliche:
die Bedeutung funktioneller Ergebnisse
die Grenzen der Medizin
kulturelle Unterschiede im Verständnis von Lebensqualität
Demut gegenüber privilegierten Strukturen
Blick in die Zukunft
Die Herausforderungen bleiben enorm: Schwache Gesundheitssysteme, soziale Ungleichheit, fehlende Ausbildungsmöglichkeiten. Viele gut ausgebildete Menschen wandern in reichere Regionen ab – ein strukturelles Problem, das nicht einfach lösbar ist.
Trotzdem bleibt Marina Barandun hoffnungsvoll. Denn sie sieht, wie viele engagierte junge Fachpersonen sich für humanitäre Arbeit interessieren.
„Es braucht motivierte Menschen, die Wissen, Zeit und Herz investieren. Und davon gibt es zum Glück einige.“
Reconstructing Women International ist vollständig spendenfinanziert. Jede Unterstützung hilft – sei es für medizinisches Material, Transport, Infrastruktur oder Organisation. Jede Spende schenkt nicht nur Hoffnung, sondern ganz konkret Lebensqualität.
flexMedics und rentanesth unterstützen dieses Engagement bereits seit mehreren Jahren.
Wer mehr über die Arbeit von Reconstructing Women International erfahren – oder dazu beitragen möchte, dass diese Hilfe weitergeht – findet alle Informationen unter: https://reconstructingwomen.eu/
flexmedics AG
Bahnhofstrasse 17
CH-5000 Aarau